BECAUSE LOVE HAS NO BORDERS

In vielen Nationalstaaten haben LGBTIs mit gesellschaftlicher Ausgrenzung und staatlicher Repression zu kämpfen. Mag es in einigen Großstädten noch Rückzugsräume geben, in denen Menschen sich frei entfalten können, so ist diese Anonymität in ländlichen Regionen nicht gegeben, sodass das alltägliche Leben extrem erschwert wird. Das Ausleben von Persönlichkeit und sexueller Orientierung abseits von heteronormativen Identitäts- und Beziehungsvorstellungen ist nahezu unmöglich. Es drohen staatliche Verfolgung, Ausgrenzung, Übergriffe und teilweise auch der Tod, wenn sich eine Person öffentlich zu ihrer Sexualität und Identität bekennt.

Seit 2011 verschlechtert sich beispielsweise die Situation für russische LGBTIs rapide. Die ohnehin prekäre Lage wird durch Gesetze gegen „Homosexuelle Propaganda“, unter dem Vorwand Minderjährige vor Pädophilen zu schützen, verstärkt. Die zuerst auf kommunaler und seit Juni 2013 auch auf föderaler Ebene geltenden Gesetze machen das Leben als offen homo-, bi-, trans-, intersexuelle oder queere Person unmöglich. Neben den, vom Staat tolerierten, Beleidigungen, Erniedrigungen und Angriffen durch oftmals patriotische bis neonazistische Gruppen, drohen nun bei offenem Bekenntnis in der ganzen Russischen Föderation Geld- und Haftstrafen.
Die schwierige und mitunter (lebens-) gefährliche Situation in Russland ist jedoch nur ein Beispiel von vielen – in großen Teilen der Welt ist die Repression und (körperliche) Gefahr für LGBTIs ähnlich oder größer, besonders sei hiebei auf afrikanische und arabische Ländern hingewiesen, in denen zum Teil die Todesstrafe auf Homosexualität verhängt wird.

Die logische Konsequenz aus diesen Entwicklungen und Situationen ist, dass viele LGBTIs gezwungen sind ihr Herkunftsland zu verlassen. Gerade aus der Russischen Föderation kommen momentan viele Betroffene, auch nach Brandenburg an der Havel. Im Zuge dessen entstand in unserer Stadt eine kleine russische LGBTI-Community. Bereits die erste Person war von Angriffen in der Geflüchtetenunterkunft und der Ignoranz und Untätigkeit der Unterkunftsleitung in Bezug auf ihre besondere Lage betroffen. Mit vielen Problemen wurden wir durch die Begleitung von ihr erstmals konfrontiert. Wir mussten uns und nicht zuletzt auch immer die Geflüchteten weiterbilden um mit den Problemen umgehen und letztendlich viele lösen zu können. Durch diese stetige (Selbst-) Bildung ist die betreffende Person mittlerweile eine bundesweite Ansprechpartnerin für russische LGBTI-Geflüchtete geworden. Wir stellten mit großem Bedauern fest, dass Übergriffe auf LGBTIs in den Unterkünften eher die Regal statt die Ausnahme ist. Einige Betroffene verlassen ihre Zimmer nur im Notfall und dies unter größter Angst. Das erhoffte Leben in Freiheit und ohne Diskriminierung rückt in weite Ferne. Besonders schlimm ist es für Geflüchtete in kleinen Gemeinden, in denen es keine Treffpunkte für LGBTIs oder anonyme Rückzugsräume gibt. Mittlerweile haben LGBTI-Organisationen in Deutschland dieses Problem erkannt und es wurde jeweils in Berlin und in Nürnberg eine Unterkunft speziell für LGBTI-Geflüchtete eingerichtet. Auch in Dresden gibt es Projekte, die sich zum Ziel gesetzt haben LGBTIs dezentral unterzubringen. Des Weiteren ist eine Spezialisierung von Geflüchtetenunterstützer_innen sowie die Entstehung neuer Gruppen, wie auch die unsere, zu beobachten, die sich dieser speziellen Gruppe, die je nach Quelle zwischen einem und fünf Prozent unter den Geflüchteten ausmacht, widmet.

Viele geflüchtete LGBTIs sind über soziale Netzwerke extrem gut miteinander vernetzt, so auch die Menschen aus Brandenburg an der Havel. Wir als Geflüchtetenunterstützer_innen wurden somit wiederholt mit den speziellen Problemen von LGBTIs in ganz Deutschland und ihrer Hilflosigkeit und ihrer Isolierung konfrontiert. Durch zahlreiche Gespräche und Diskussionen mit LGBTIs vor Ort entwickelte sich die Idee eines großen Treffens für geflüchtete LGBTIs und ihrer Unterstützer_innen. Es bildete sich ein Orgateam aus Einzelpersonen mit den verschiedensten politischen und sozialen Hintergründen. Einige sind schon seit Jahren in radikalen Gruppen oder in politischen Parteien aktiv, für andere ist es das erste politische Projekt, wieder andere sind geflüchtet und waren in ihren Herkunftsland politisch aktiv. Schnell bildeten sich in Diskussionen drei Ziele für die nun „Refugee-LGBTI-Conference“ genannte und auf das Wochenende vom 15. bis 17. April terminierte Veranstaltung heraus:

  1. (Weiter-) Bildung für Geflüchtete und Unterstützer_innen
  2. Kennenlernen, Netzwerken und Spaß haben
  3. Öffentliche Aufmerksamkeit für die Lage von LGBTI-Geflüchteten schaffen

Um all diesen Punkten gerecht zu werden, wird es verschiedene Aktionsformen geben. So ist eine Podiumsdiskussion mit anschließender Party für den Freitag geplant. Am Samstag wird es diverse Workshops speziell für Geflüchtete und Unterstützer_innen geben, diese haben zum Ziel die Menschen auf die bevorstehenden Interviews und das weitere Leben in Deutschland vorzubereiten. Auch dem Aspekt der Diskriminierung und körperlichen Angriffen in den Unterkünften wird durch einen Selbstverteidigungsworkshop Rechnung getragen. Am Sonntag werden wir dann alle gemeinsam durch die Straßen der Havelstadt ziehen und mit einer Gaypride-Demonstration auf die Lage von LGBTI-Geflüchteten aufmerksam machen. Ganz besonders liegt uns das Kennenlernen und Vernetzen am Herzen, so haben wir geplant gemeinsam zu essen und viel Freiraum für den Austausch zu lassen.

LGBTI: engl.: lesbian, gay, bi-, trans-, intersexual; Bezeichnung für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle und intersexuelle Personen